Theorie

Theorie der Rhythmisch-musikalischen Früherziehung

1.) Musik und ihre Verarbeitung im Gehirn

Unter dem Begriff „Musik” ist „die gesetzmäßige Organisation von Klängen” zu verstehen (Microsoft Encarta Enzyklopädie 2003). Klänge entstehen durch regelmäßige Luftschwingungen und unterscheiden sich von Geräuschen, die durch unregelmäßige Luftschwingungen charakterisiert werden. Musik gibt es in allen uns bekannten Kulturen. Von je her untermauerte sie Festlichkeiten und öffentliche Anlässe und dem Mythos zufolge ist sie ein Geschenk Apolls und der Musen an die Menschen. Musik ist etwas, das das Leben eines jeden Menschen beeinflusst. Sie verstärkt Emotionen, ruft Erinnerungen wach und begleitet uns unser ganzes Leben. Laut Spitzer (2005) unterscheidet sich die Art, wie wir Musik im Kopf bzw. im Gehirn organisieren, von Menschen zu Mensch. Das menschliche Gedächtnis, ein äußerst komplexes System, spielt im Umgang mit Musik eine große Rolle. Dieses System genau zu beschreiben würde den Rahmen dieser Seite sprengen. Trotzdem möchte ich die Verarbeitung von Musik im Gehirn kurz erklären.

Musik ist ein komplexes und faszinierendes Medium mit vielfältiger Wirkung auf Körper und Geist. Rhythmische Klänge und Musik formen unser Gehirn und beeinflussen unseren Körper. Laut Günther Bastian können durch den Umgang mit Musik enorme Leistungs- und Wirkpotenziale erreicht werden, die Kinder in ihrer Entwicklung voran bringen (Bastian 2000).

Die rhythmisch-musikalische Früherziehung bezieht die gesamte Bandbreite der kindlichen Aufnahmefähigkeit ein. Neben Wahrnehmungsförderung, Schulung des Bewegungsapparates und Ausbildung eines elementaren Rhythmusgefühls dient die rhythmisch musikalische Früherziehung auch dazu, den Kindern einen ersten Einblick in die große Welt der Musik zu gewähren. Das ganzheitliche Erleben und fantasievolle Gestalten von Reimen, Versen, Bewegungsspielen, Liedern und Tänzen fördert die Kinder in ihrer natürlichen Musikalität. Sie bekommen zum einen die Möglichkeit, selbst zu musizieren, zum anderen, sich auf Musik zu bewegen und so vielfältige Bewegungsabläufe zu erproben.

In der Musik existieren drei grundlegende Ordnungssysteme: Melodie, Harmonie und Rhythmus. Unter einer Melodie ist die lineare Anordnung von Tönen zu verstehen, Harmonie bezeichnet das gleichzeitige Erklingen verschiedener Töne und der Rhythmus regelt als eigenständiges zeitliches Ordnungs- und Gestaltungsprinzip den zeitlichen Verlauf von Klangereignissen. Rhythmen sind Phänomene, die unser Leben bestimmen. Wir müssen regelmäßig schlafen, essen und trinken und richten uns nach dem Rhythmus der Jahreszeiten. Auch Vorgänge, die im Inneren unseres Körpers ablaufen, z.B. der Herzschlag oder die Atmungsfrequenz, orientieren sich an bestimmten Rhythmen. Schon im Mutterleib gewöhnen sich Ungeborene an ein Leben, das in bestimmten Strukturen abläuft. Menschen sind also von natürlichen, zahlreich ineinander verwobenen Rhythmen abhängig. Ohne die Orientierung an ihnen wäre das menschliche Leben undenkbar. Rhythmen vermitteln Sicherheit und sind die Grundlage für viele menschliche Kompetenzen. Betrachtet man beispielsweise die menschliche Sprache, wird schnell deutlich, dass ohne die Fähigkeit, Elemente in rhythmische Strukturen zu untergliedern, die menschliche Kommunikation undenkbar wäre.

Die drei Ordnungssysteme, die weiter differenziert werden können, ermöglichen einen vielfältigen Einsatz in der rhythmisch musikalischen Früherziehung. Über Bewegung und Spiel werden Parameter wie Tempo, Tonhöhe, Ausdruck oder Dynamik erfahren und vertieft. Frühzeitige Anregungen und Lernimpulse fördern zudem die Entwicklung des musikalischen Gehörs. So leistet die rhythmisch musikalische Früherziehung einen positiven Beitrag zur Gesamtentwicklung des Kindes.

Die positive Auswirkung gezielter Musikerziehung auf die Entwicklung von Kindern wurde in mehreren Studien belegt. Die wohl bekannteste Studie führte Prof. Dr. Hans Günther Bastian durch. Ihm gelang es in seiner Langzeitstudie „Zum Einfluss von erweiterter Musikerziehung auf die allgemeine und individuelle Entwicklung von Kindern”, die an einer Berliner Grundschule von 1992 bis 1998 durchgeführt wurde, darzulegen, inwieweit sich gezielte Musikerziehung auf die kindliche Entwicklung auswirkt. So stellte sich heraus, dass sich Musikerziehung beispielsweise positiv auf die soziale Kompetenz sowie die soziale Reflexions-, Konzentrations- und Kreativitätsfähigkeit von Kindern auswirkt (Bastian, 2000). Weitere Forschungen, wie beispielsweise die der amerikanischen Forscherin Nadine Gaab vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, ergaben, dass sich eine frühe Musikerziehung positiv auf die Sprachentwicklung von Kindern auswirkt. Ihren Forschungen zufolge kann eine frühe Musikerziehung dazu beitragen, dass Kinder die gesprochene Sprache besser verstehen (Schäfer, 2005).

Die Musik wird in der rhythmisch musikalischen Früherziehung als unterstützendes Element eingesetzt. Sie soll als Erziehungsmittel dienen und Bewegungsabläufe formal gliedern und abschließen, Bewegungsfantasien wecken, die Erlebnisfähigkeit vertiefen, entspannen und aktivieren, begleiten, psychische Spannungen motorisch ableiten, das Gehör schulen, körperliche Bewegungen auslösen, die Bereitschaft zum Kontakt mit der Umwelt wecken, Bewegung in Tempo und rhythmischer Gliederung beeinflussen sowie Vorstellungsinhalte und Assoziationen auslösen (Schindler et al., 1992).